15. Januar 2000

Der Kantor
Zum Tode von Estrongo Nachama
Von Hermann Simon
 

"Ist es wahr?, stimmt das?" "Ich kann es nicht glauben." Immer wieder dieselben Worte.Es ist wahr, und wir werden uns daran gewöhnen müssen: Estrongo Nachama lebt nicht mehr. Am 13. Januar des noch jungen Jahres 2000 (nach jüdischem Datum ist das der 6. Schwat 5760) ist er "eingeschlafen", wie die Abendnachrichten vermelden. 
Nachrufe über Nachrufe werden in den nächsten Tagen erscheinen, in allen wird stehen, welch ein begnadeter Sänger er war. Das stimmt, aber Estrongo Nachama war mehr: Er war die Gemeinde schlechthin, und er war das wichtigste Bindeglied zwischen Jüdischer Gemeinde und nichtjüdischer Umwelt. Juden wie Nichtjuden in meiner Heimatstadt Berlin, ja in ganz Deutschland, kennen seine Stimme und werden sich seiner erinnern, wann immer sein Name genannt wird. 
Jeder von uns Juden hat seine eigene Erinnerung, die jungen gleichermaßen wie die alten. Ich aber, der ich aus der "ehemaligen DDR" komme, wie man heute sagt, empfinde gegenüber Nachama eine besondere Dankbarkeit, nicht nur deshalb, weil er auch unser Leben bestimmt hat, als er meine Frau und mich im März 1988 in dem kleinen Kulturraum der Ostberliner Jüdischen Gemeinde traute. Die Zeremonie vollzog mehr schlecht als recht der damals in der "DDR-Hauptstadt" amtierende Rabbiner, aber in Erinnerung ist mir eigentlich nur Estrongo Nachama, der diese Zeremonie erst würdig gemacht hat. 
Estrongo Nachama war es, der neben dem Westberliner Rabbiner Ernst Stein die Einheit der Berliner Gemeinde(n) erhalten oder sie vielleicht durch seine Präsenz in beiden Hälften der Stadt wieder hat möglich werden lassen. 
Ich erinnere mich deutlich eines Satzes der Verwaltungsleiterin der Ostberliner Gemeinde, den ich, als in den 70iger und 80iger Jahren Kommunikation zwischen Ost und West schwierig war, zigfach gehört habe, wenn Leidtragende besorgt anfragten, ob der Westberliner Oberkantor zur Beerdigung amtieren wird. Die Antwort lautete stets: "Ich habe Nachama ein Telegramm geschickt, und wir können uns darauf verlassen, dass er kommen wird." 
Zuverlässig und einsatzbereits für seine Gemeinde, so wird er uns in Erinnerung bleiben. Sein Gesang, sein Amtieren war stets geprägt von Kawana, wie man auf Hebräisch sagt, eine heilige Handlung. 
Der Berliner Historiker Hermann Simon hat dem griechischen Juden Estrongo Nachama aus Saloniki dafür zu danken, daß er die Melodien des deutschen Juden Louis Lewandowski (1821-1894) für eine Generation vor dem Vergessen bewahrt hat. 
Auf Lewandowskis Grabstein, der wie Estrongo Nachama ein halbes Jahrhundert für die Berliner Jüdische Gemeinde gewirkt hat, stehen die Worte des Neukantianers Hermann Cohen: "Liebe macht das Lied unsterblich!" Sie gelten auch für den am 13. Januar 2000 verstorbenen Oberkantor der Berliner Jüdischen Gemeinde, dem wir ein ehrendes Gedenken bewahren werden.
Der Autor ist Vorsitzender der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde und Direktor der Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum"

Dr. Hermann Simon: stellvertretender jüdischer Vorsitzender der GCJZ Berlin