IM GESPRÄCH.
50 Jahre Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin Festvortrag von Frau Ilse Ennig
gehalten auf der Jubiläumsveranstaltung
am 24.11.1999 im Berliner Abgeordnetenhaus

Ilse Ennig

Vor mehr als 50 Jahren begann das Gespräch, das Gespräch über christlich-jüdische Zusammenarbeit. Das konnte geschehen (die Einzelheiten finden Sie in unserer Festschrift), weil Juden in unserer Stadt  - ich nenne besonders Frau Jeanette Wolff und Herrn Siegmund Weltlinger -, gestützt auf Amerikaner, die überlegene Größe hatten, Christen die Hand reichen zu wollen, denen natürlich, die frei waren von Judenhaß; denn "Versöhnung geht immer von den Opfern aus und ihren Fürsprechern." [So ein Bericht in der "Zeit" vom 21.10.1999 zur Rede von Fritz Stern zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels.]

In diesen Gesprächen vor mehr als 50 Jahren wurde die Form diskutiert, in der jüdisches und christliches Miteinander möglich werden könnte. Das Ergebnis war, genau auf den Tag heute vor 50 Jahren, die Gründung der Berliner Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.
Diese wandte sich an die Berliner Öffentlichkeit mit Anliegen, wie sie in der Präambel der Satzung formuliert sind. Da heißt es unter anderem:
"Alle Menschen guten Willens haben die Verpflichtung, das Ihre dafür zu tun, eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens und Verständnisses zu schaffen. Eine vernünftige Ordnung in der Welt erwächst aus der Bereitschaft jedes einzelnen, anderen das gleiche Maß an Recht und Achtung im Sinne der Brüderlichkeit aller Menschen zuzugestehen, das er für sich selbst in Anspruch nimmt.
Eine besondere Verantwortung liegt darin, eine von rassischen, sozialen, nationalen und konfessionellen Vorurteilen freie Bewertung der Menschen in allen Bereichen des Lebens zu gewinnen."
Behutsam und tastend ging man nun in das Gespräch - sorgsam war der Umgang mit der Sprache, in der es eine Stunde Null nicht gegeben hat, wohl aber ein langsames Freiwerden von der "lingua tertii imperii", der LTI, der Sprache des Dritten Reiches, die uns dank Victor Klemperer durch sein berühmtes Buch LTI von 1947 deutlich ins Bewußtsein gerufen worden ist.

Zunächst sollte das Sprechen miteinander das Kennenlernen der je anderen Religion bzw. Konfession ermöglichen. Die Gesellschaft suchte nach einem gültigen Symbol für ihre Arbeit und wählte die drei Ringe der Ringparabel aus Lessings "Nathan der Weise". Dieses Zeichen finden Sie heute noch auf all unseren schriftlichen Mitteilungen. Allerdings ist damals der Gedanke Lessings abgewandelt worden: aus Juden, Christen und Muslimen machten wir Juden, katholische und evangelische Christen, anders konnte es zum gegebenen Zeitpunkt auch nicht sein. Ich komme darauf zurück. Jedenfalls stand im Mittelpunkt der Gespräche der Begriff: "Toleranz", wie schon zur Zeit der Aufklärung seit Voltaire, einer der tragenden Begriffe für das menschliche Miteinander. Gültig war und ist Lessings Forderung, die er dem weisen Nathan in den Mund legt:

".... Wohl an!
Es eifere Jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf´! ..."

Jahrzehntelang hing unser Symbol der drei ineinander verschlungenen Ringe im Blickpunkt jeder Veranstaltung der Woche der Brüderlichkeit.

Im Gespräch:
Viel ist gesprochen worden in den vergangenen Jahrzehnten. Gerungen wurde Wort um Wort um Verständnis des anderen: Die Bitte um Vergebung aus christlicher Sicht stand stellvertretend für mehr Menschen, als unsere Gesellschaft an Mitgliedern hatte - und von jüdischer Seite brannte die Frage: Kann es Vergebung geben für das grauenvollste Verbrechen der Weltgeschichte, können wir den Deutschen, den Christen wieder vertrauen?

Schon 1952 kam es zur ersten "Woche der Brüderlichkeit", die nun seit 47 Jahren zur Institution geworden ist, die in Berlin ihren festen Platz in der Öffentlichkeit und wechselnde Leitworte gefunden hat.
Auch zu dieser Veranstaltung gab und gibt es intensive Gespräche, vor allem: genügt eine Woche der Brüderlichkeit für alle Tage des Jahres? Und außerdem: Kann eine solche Regelveranstaltung nicht zur Routine werden?
Mit dem Begriff der Brüderlichkeit standen wir mitten in einem uralten Gespräch: Was bedeutet der Begriff "Bruder"?

[Ich bleibe bei diesem Wort und lasse alles Diskutieren um Schwester - Schwesterlichkeit - Geschwister - Geschwisterlichkeit beiseite; wir haben bewußt den Begriff "Brüderlichkeit" beibehalten, davon ausgehend, daß er von jedermann nicht als geschlechtsgebunden verstanden wird, sondern in seinem Symbolgehalt.]

Schauen wir ins Alte Testament (Genesis 4), so finden wir die Urgeschichte des Neides und des daraus folgenden Hasses: Kain beneidet seinen Bruder Abel darum, daß der Herr Abels Opfer gnädig ansieht, "aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an." [...] "Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst Du? (...) Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Laß uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß es nicht, soll ich meines Bruders Hüter sein?"

Dieser Bericht aus dem tiefen "Brunnen der Geschichte" hat die Menschen bis heute beschäftigt und beunruhigt. Die Disziplinen der Wissenschaft haben sich damit beschäftigt, die bildenden Künste, die Literatur.

Ich gebe ein Beispiel aus jüngster Zeit: Hilde Domin, die große jüdische Lyrikerin deutscher Sprache, schreibt: "Abel steh auf".

"Abel steh auf
es muß neu gespielt werden
täglich muß es neu gespielt werden
täglich muß die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muß ja sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern
wir können alle Kirchen schließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
steh auf
damit Kain sagt
damit er es sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein
Täglich steh auf
damit wir es vor uns haben
dies Ja ich bin hier
ich
dein Bruder"

Wir erkennen in dem Grundmuster der Figurenkonstellation unsere Zeit, da der Mensch den Menschen millionenfach erschlagen hat und erschlägt, den Menschen, der doch gestern noch sein Nachbar, sein Freund gewesen ist.
Die vierte Berliner Woche der Brüderlichkeit 1956 fragt: "Wo ist Dein Bruder?" Der namhafte Schriftsteller Albrecht Goes antwortet darauf in sehr nachdenklicher Weise. Das Leitwort des Jahres 1957 stellt fest: "Er ist wie du!" Johannes Pinsk macht in seiner Ansprache die unheimliche Stimme aus Hofmannstals Spiel "Jedermann" hörbar, so, wie sie gerade in diesem Herbst wieder im Dom erschallt: "Jedermann" - jedermann ist in der Schuld, ihm fehlen die guten Werke, der Glaube - und er bedarf der Gnade.

1960 spricht das Motto wieder zu den einzelnen: "Du bist verantwortlich!"
Siegmund Weltlinger, der Unvergeßliche, sagt: "Nur durch unser Tun können wir dazu beitragen, die Welt besser zu machen", denn "selten hat die Praxis mit der Idee übereingestimmt, wenn ideelle Forderungen erhoben wurden. [...] Darum mahnt das Motto dieser Woche, und nicht nur für diese eine Woche, sondern für unser ganzes Leben: du bist verantwortlich! Das heißt aber nicht: Der andere ist verantwortlich. Es ist damit gemeint: Ich selbst bin verantwortlich!" So Weltlinger 1960. Und wo stehen wir heute? Wohin sind wir gekommen, wenn an die Stelle des Gesprächs mehr und mehr die brutale Gewalt tritt?

So intensiv war damals die Fragestellung, daß es uns gelang, die Mehrzahl der Berliner Schulen zu erreichen (als einziger Verband durften wir und dürfen es bis heute - unser Material für die Woche der Brüderlichkeit über den Senator für Schulwesen an die Schulen geben). Über viele Jahre - das weiß ich aus eigenem Erleben - gelang es, das Interesse der Lehrer wie der Schüler zu durchdachten und mit großem Ernst und Zeitaufwand durchgeführten und in vielen Klassen diskutierten Veranstaltungen anzuregen. Wach und lebendig war das Gespräch zu jener Zeit.
Heutzutage liegt unser Material zumeist unbeachtet auf den Tischen im Lehrerzimmer. Aber in der Sache gibt es - viel zu wenig bekannt neben den Greueltaten Jugendlicher, die die Medien füllen - leidenschaftliches Engagement der Jugend im Sinne unserer Idee. Dieses Engagement gilt es zu stärken!

Das Jahr 1968 verlangt andere Akzente. Ich erinnere mich an einen Schüler, den ich in der Erwachsenenbildung hatte. Wir sprachen über den Begriff der Toleranz. Mit Heftigkeit fuhr ein Schüler auf: "Ich will keine Toleranz - ich bekämpfe sie - ich will meine Idee, meine Überzeugung durchsetzen." Das Erschrecken der Mitschüler war deutlich, und die folgende Diskussion wurde heftig. Ich habe mich gefragt: Ist das mühsam Erarbeitete, an dessen Tragfähigkeit wir glaubten, auch heute noch glauben wollen, wiederum ins Schwanken geraten?
Das Motto jenes Jahres 1968 heißt: "Ertraget einander!" In seiner Ansprache warnt Richard von Weizsäcker vor der alles duldenden Resignation, die sich als Toleranz ausgibt, die aber Schwäche ist.
Der Begriff Toleranz wurde neu diskutiert. Es wurde nach den "Grenzen der Toleranz" gefragt, denn im gefährlichen 'Laisser aller, laisser faire' geschah viel Böses, das sich stolz als Toleranz bezeichnete. So konnten Ausländerhaß, Neonazismus sich verstärken, trotz viel jugendlichem Enthusiasmus auf dem Wege zu einer humaneren Welt.
"Wehret den Anfängen!" Ist der Zeitpunkt dazu wieder verpaßt worden? Gespräch schlägt um in brutale Gewalt; Fremdenfeindlichkeit verstärkt sich weltweit, als fielen wir zurück in die ferne Zeit des Königs Thoas auf Tauris, der jeden Fremden töten ließ - als hätte Goethes Iphigenie ihr Werk der Menschlichkeit nicht vollendet.
Antijudaismus wird wieder laut, jüdische Friedhöfe auf deutschem Boden werden geschändet. Der unvergessene Propst Grüber hat 1965 zu dem Motto: "Haltet fest aneinander" gesagt:
"Die vier Millionen Nazis hätten nichts erreicht, wenn nicht vierzig Millionen geschlafen hätten. Bei diesem politischen Treibholz, das jeder Zustimmung und jeder Pression nachgibt, liegt heute die Gefahr wie damals. Diese geistigen Schonkostgenießer, für die sensationelle Groschenblätter und unsaubere Illustrierte die einzige Nahrung sind, bilden diese Gefahr heute wie vor 33 Jahren - Ihre Zahl wird immer größer. Das [...] 1965 einmal auszusprechen ist eine Verpflichtung - auch gerade gegenüber den Brüdern und Schwestern, an denen wir schuldig geworden sind."

Heute, 1999, also 35 Jahre später, habe ich Propst Grübers Sätze erneut ausgesprochen in dem Erschrecken darüber, daß ein Ignatz Bubis, zutiefst betroffen und resigniert über das, was bei uns in Deutschland geschieht, seine letzte Ruhestätte nicht in deutschem Boden finden wollte, sondern in Israel, weil die Ruhe selbst der toten Juden in Deutschland nicht mehr sicher ist.
"Dünn ist die Decke der Zivilisation", schreibt Christa Wolf 1998.

In den folgenden Jahren ab 1969 spiegelt das jeweilige Motto der Woche der Brüderlichkeit die neuen Probleme:
1970 heißt es: "Nebeneinander und Miteinander",
1971 "Brücken von Mensch zu Mensch - Ausländische Arbeitnehmer in Berlin".
Der unabsehbare Bereich der Ausländerfrage hat natürlich auch unsere Arbeit vor neue Aufgaben gestellt. Jedoch haben wir immer gewußt, wofür unsere Gesellschaft steht, daß unser Thema, die christlich-jüdische Zusammenarbeit, nicht untergehen darf in den großen Zahlen der nach Deutschland Strömenden. So fragt unser Leitwort 1972:"Antizionismus - neue Form der Judenfeindlichkeit?", 1975 "Brennpunkt Jerusalem - Symbol und Wirklichkeit" - und andere Themen in ähnlicher Richtung.

1978 kommen wir zu einem Höhepunkt unserer Arbeit:
Es ist der 100. Geburtstag des großen jüdischen Gelehrten und weisen Menschenkenners Martin Buber - "Leben ist Begegnung - Martin Buber" lautete das Motto.
Ich blättere noch einmal ein wenig zurück in der Entwicklung unserer Gesellschaft und sehe den nachhaltigen Einfluß, den Bubers Denken und Persönlichkeit auf uns hatten und haben. In den Arbeitsräumen der Gesellschaft hängt sein Bild aus dem Jahr 1956, als er in Berlin weilte. Nur aus dem Bericht unserer damaligen Referentin, Frau Dr. Käthe Reinholz, weiß ich von der Kuratoriumssitzung am 29. Mai 1956. Martin Buber hat an dieser Sitzung teilgenommen und hat über Fragen des Chassidismus und über christlich-jüdische Glaubensauffassungen mit den Teilnehmern gesprochen. Es wird dieser Besuch bezeichnet als ein "Erlebnis von besonderer geistiger Bedeutung." Das Gespräch sei gewesen "von einer geistigen Intensität und Fülle neuer Erkenntnisse, Deutungen und Anregungen, daß die Beteiligten einen wirklichen und dankbar anerkannten Gewinn davontrugen."
Persönlich hatte ich das unvergeßliche Erlebnis, an der Urania-Veranstaltung (ausgerichtet von der Evangelischen Akademie Berlin) teilnehmen zu dürfen. Ich sehe noch die überfüllten Hörsäle, ich sehe den straffen Gang, den großartigen Gelehrtenkopf wie eines alten Propheten, höre die überzeugende Stimme und erinnere mich an ein Bild aus seiner Rede: Religionen sind wie Häuser, ich werde das meine nie verlassen, niemand sollte das seine verlassen, aber ich werde an der geöffneten Tür stehen und sprechen mit denen, die vorbeiwandern. Sprechen miteinander - der Dialog, das Gespräch - der Weg war uns gewiesen.
Ich habe die Situation nie vergessen, bleibend ist der Eindruck.

Zu Buber und zu seinen Gedanken ist unsereVerbindung nie abgebrochen. Nach seinem Tode 1965 gab es bedeutende Gedenkveranstaltungen - 1978 galt die Woche der Brüderlichkeit seinem Andenken. Das Leitwort lautete: "Leben ist Begegnung - Martin Buber". In einem Podiumsgespräch zwischen führenden Köpfen aus Judentum, katholischem und evangelischem Christentum wurden Themen aus seinem Gedankengut vorgestellt.
Ich zitiere einige Zeilen aus "Ich und du": "Wenn wir eines Weges gehen und einem Menschen begegnen, der uns entgegenkam und auch eines Weges ging, kennen wir nur unser Stück, nicht das seine, das seine nämlich erleben wir nur in der Begegnung."

Und eine kleine chassidische Legende: "Rabbi Pinchas sprach:Wenn ein Mensch singt und kann die Stimme nicht erheben, und es kommt ein andrer mit ihm singen und erhebt die Stimme, dann kann auch er die Stimme erheben. Das ist das Geheimnis des Haftens von Geist an Geist."

Im November 1979 schließlich veranstaltete unsere Gesellschaft gemeinsam mit der Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität Jerusalem im jüdischen Gemeindehaus eine große Ausstellung "Martin Buber 1878 - 1978". Diese fand lebhaften Anklang. Ich erinnere mich noch an die beeindruckende Begrüßung durch den unvergessenen Heinz Galinski.

Im Gespräch - ganz im buberschen Sinne - wurden von der Buber-Rosenzweig-Stiftung, unserer Gesellschaft und der Volkshochschule Wedding 1994 und 1995 Gedenkstättenfahrten durchgeführt nach Auschwitz und nach Stutthof, aus dem Gespräch war Zusammenarbeit geworden, Gemeinsames wurde geleistet.

Martin Bubers chassidische Legenden gehören zum selbstverständlichen Inhalt von Schullesebüchern. Die etwa 40 Jahre alte Feststellung: Martin Bubers Übersetzung des Alten Testaments und die Gedichte von Nelly Sachs haben der deutschen Sprache ihre Würde wiedergegeben, verpflichtet uns Deutsche zu Dank, und dieser kann nur heißen: Verantwortungsbewußter Umgang mit der Sprache, mit dem Gespräch.

Im Jahre 1979 können wir zurückblicken auf 30 Jahre intensiver Arbeit. Eine Feierstunde wird veranstaltet, es gibt eine Festschrift mit dem Titel "Toleranz und Brüderlichkeit".
Die Linie der 30 Jahre Arbeit ist hier nachzuvollziehen mit Hilfe der Themen der Woche der Brüderlichkeit und mit ausgewählten Reden der Referenten. Es wären diese und die Veranstaltungen der folgenden 20 Jahre eine genaue wissenschaftliche Untersuchung wert, denn da zeigt sich Zeitgeschichte unter einem ganz eigenen Blickwinkel. Der Aufgabe der Gesellschaft entsprechend, kreist alles um die christlich-jüdische Zusammenarbeit, das ist wie ein unveränderbarer Grundton in der Musik - und da erklingt zugleich der Zeitgeist mit seiner
Klangvielfalt im gebändigten Orchester.
Einige wenige Punkte habe ich versucht, Ihnen zu nennen, vielleicht auch nur in Erinnerung zu rufen. Ich zitiere noch eine Aussage aus dem einleitenden Text "Rückblick auf 30 Jahre" von Frau Dr. Ella Barowsky, unserer verehrten Alterspräsidentin, (die Sie soeben gehört haben):
"Der Rückblick auf die dreißigjährige Arbeit ist von der großen Sorge über das Wiederaufflammen der nationalistischen Ideologie und des Rechtsradikalismus überschattet. Die überführten neonazistischen Rechtsverdreher sollte die volle Schwere des Gesetzes treffen, denn die Bürger erwarten ein Zeichen, daß unser Staat es ernst meint mit der Sicherung der freiheitlichen Demokratie."
Diese Sätze darf ich "mit großer Sorge" wiederholen, denn sie haben wie vor 20 Jahren ihre beunruhigende Gültigkeit, mehr noch, sie sind aktueller, unsere Sorge ist größer geworden.

Die Leitthemen der Jahre 1979 - 1990 beleuchten in unveränderter Intensität und aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Fragen der jüdischen Religiosität und der jüdisch-christlichen Beziehungen. Die Geschichte des Judentums wird erhellt; die Gefahr des Antijudaismus, des Neonazismus wird immer dringlicher warnend dargestellt, so in der aufrüttelnden Rede von Heinz Galinski im Jahre 1983 zu dem Thema: "Widerstehen zur rechten Zeit".

"Jüdisches Erbe in Deutschland" stellt 1984 Klaus Schütz dem Jahresmotto entsprechend dar. Zwölf Jahre lang wurde verfolgt, verboten, verbrannt, ermordet, sollte nicht nur der jüdische Mensch vernichtet werden, sondern auch sein Geist. Die Menschen sind zerstört. Den Geist zu zerstören ist nicht gelungen, wir leben heute von seinem Erbe, dessen Wert wir noch nicht einmal ermessen können. Es sollte uns nicht selbstverständlich sein, sondern stets verbunden mit dem Wissen um die Herkunft dieses Erbes, das sorgfältig zu pflegen und respektvoll in das Leben einzuordnen unsere Aufgabe ist.
Das Grundthema unserer Gesellschaft klingt 1985 wieder auf: "Im Blick auf morgen - Juden und Christen im Gespräch".
Eine besondere Freude hatten wir 1989, als Schalom Ben Chorin, aus Israel kommend, das Thema behandelte: "Gehen zwei zusammen und hätten sich nicht verständigt?" (Amos 3,3) [In der Übersetzung der Jerusalemer Bibel: "Gehen zwei den gleichen Weg, ohne daß sie sich verabredet haben?"] Die Hoffnung wird deutlich, daß aus dem Gespräch ein Zusammengehen werden kann.
Ich erinnere an die Legende von Martin Buber, dem Schalom Ben Chorin im Denken verbunden war. Ich sehe noch den durchgeistigten Ausdruck seines Gesichts, höre das beherrschte Temperament in der Stimme des Sprechenden, in seiner fesselnden Rede. An dieser Stelle möchte ich sein Gedicht "Das Zeichen" vortragen, das er in dunkelster Zeit des Zweiten Weltkriegs und der beispiellosen Verfolgungen in seinem Haus in Jerusalem geschrieben hat:

"Freunde, daß der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
Daß die Liebe bleibt.

Daß das Leben nicht verging,
So viel Blut auch schreit,
Achtet dieses nicht gering
In der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.

Freunde, daß der Mandelzweig
Sich in Blüten wiegt,
Bleibe uns ein Fingerzeig,
wie das Leben siegt."

1990 spiegelt sich die Wende in dem intensiven Vortrag, den Herr Dr. Simon, der Direktor der Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum" zum Thema "Recht und Gerechtigkeit" gehalten hat.
Heute, zehn Jahre später, können wir wie selbstverständlich und fast schon ohne Verwunderung im Centrum Judaicum wie im Gemeindehaus in der Fasanenstraße aus- und eingehen.
Zu diesem Jahr der Wende möchte ich hinweisen auf den Text, den Günter Grass in seinem Buch "Mein Jahrhundert" geschrieben hat. In einer knappen, eindrucksvollen Erzählung aus der Sicht eines Schülers von etwa zwölf Jahren läßt Grass den Lehrer 1990 fragen: "'Wißt ihr, was sonst noch alles in Deutschland an einem 9. November geschehen ist? Zum Beispiel vor 51 Jahren genau?' Weil alle nur irgendwie etwas, aber keiner Genaues wußte, hat er uns dann die Reichskristallnacht erklärt. [...] Lauter traurige Geschichten, während in Berlin, nein, überall in Deutschland natürlich der Jubel groß war, weil nun endlich alle Deutschen vereinigt werden konnten. Aber bei ihm ging es nur um die alten Geschichten, wie es dazu gekommen ist." Die Eltern werfen dem Lehrer seine "Vergangenheitsbesessenheit" vor. Er soll den Eltern erklärt haben: "Kein Kind kann das Ende der Mauerzeit richtig begreifen, wenn es nicht weiß, wann und wo genau das Unrecht begonnen und was schließlich zur Trennung Deutschlands geführt hat." In der Folge setzen sich die Schüler beim Bürgermeister gegen die Abschiebung eines kurdischen Mitschülers ein.
Sie haben aber nicht gewagt, auf das Schicksal der jüdischen Kinder in ihrer kleinen Stadt hinzuweisen.

Die nächsten Jahre machen Wende-Geschichte deutlich, auch im Wechsel der Orte für die Eröffnungen der Woche der Brüderlichkeit: Vom Konzertsaal der Hochschule der Künste, vom Jüdischen Gemeindehaus Fasanenstraße und vom Haus des Rundfunks SFB ging es ins Deutsche Theater und in den letzten Jahren in die Nikolaikirche.
Auch die Themen zeigen den größer werdenden Raum; ich rufe Ihnen einige in Erinnerung, denn viele von Ihnen werden in den Veranstaltungen gewesen sein:

1991: "Überwindung von Grenzen - Chance zur Verständigung" - Vortrag: Bischof Gottfried Forck
1992: "Europa - Erbe und Aufklärung" - Vortrag: Prof. Alfred Grosser, Paris
1993: "Statt Gleichgültigkeit - Mut zur Verantwortung" - Vortrag: damals MdB Wolfgang Thierse
1994: "Prüft Altes und gestaltet Neues" - Vortrag: Prof. Landesrabbiner em. Nathan Levinson

Es sprechen in den Folgejahren zu Themen, die drängender werden, unter anderem der evangelische Altbischof Martin Kruse, Kardinal Sterzinsky, Erzbischof von Berlin, Bischof Wolfgang Huber.
Das Thema 1998 trifft uns ganz persönlich: "Wenn nicht ich, wer denn? Wenn nicht jetzt, wann dann?" Schließlich heißt es 1999 "Lerne aus den Jahren der Geschichte". Auch dies ein Vers aus dem Alten Testament. So alt ist dieser Auftrag, und immer neuen Mutes bedarf es und immer genaueren Wissens, wenn wir - endlich - diesen Lernprozeß annehmen wollen.

Das Thema des Jahres 2000 wird lauten: "Auf drei Säulen ruht die Welt: Wahrheit, Recht, Frieden." Er entstammt den "Sprüchen der Väter" aus dem Talmud. Dieses Wort will Mut und Hoffnung machen, denn wer Un-Wahrheit, Un-Recht, Un-Freiheit erlebt, wird sich, wenn er nicht ganz resigniert ist, einsetzen für Wahrheit, Recht, Frieden. (DKR)

Meinen Überblick beende ich mit den Zukunftsplänen unserer Gesellschaft in ganz Deutschland, besonders aber in Berlin, nämlich die drei Ringe - die Ringparabel - Nathans des Weisen wieder mit ihrem eigentlichen Inhalt zu füllen, dem friedvollen Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen, daß keine brutale Gewalt mehr sei und auch nicht, so Fritz Stern: "...die elementare und unspektakuläre Form der Erniedrigung, daß man sich gar nicht darum bemüht, den anderen zu verstehen."

Nathan endet seine Parabel:

"... und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euren Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad´ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen: Geht! - So sagte der
Bescheidne Richter."

Mehr als zwei Jahrhunderte sind seit Nathans Worten vergangen.

Seit 50 Jahren bemüht sich unsere Gesellschaft um das Gespräch in seinem Sinn, das Gespräch um christlich-jüdische Zusammenarbeit; es darf niemals wieder abgebrochen werden!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Ilse Ennig: Oberstudiendirektorin i.R.; seit 1958 Mitglied, seit 1976 stellvertretende evangelische Vorsitzende der GCJZ Berlin