Nr. 10-11, 3./10. März 2000 Zum Tode von Albrecht Goes
Bekenntnis und Reue

Die Zeit zwischen 1949 und etwa 1965 war, was die Aufklärung über NS-Verbrechen betrifft, eine Zeit des Verdrängens. Die Literatur war zudem lange Zeit von dem Diktum Adornos gebannt, nach Auschwitz könne man kein Gedicht mehr schreiben. Erst der Auschwitz-Prozeß in Frankfurt in den 60er Jahren rüttelte damals die Öffentlichkeit auf und führte allmählich zu der Erkenntnis über die Einzigartigkeit von Verbrechen und Schuld. Der Dichter und württembergische Pfarrer Albrecht Goes hatte schon in den 50er-Jahren beide Themen aufgegriffen und in einer noch immer bewegenden Darstellung verarbeitet: Die Erzählung "Unruhige Nacht" von 1949 schildert die Belastungen, die sich einem Wehrmachtsseelsorger in einem sich brutalisierenden Kriegsalltag stellen. In "Das Brandopfer" von 1954 hat Goes am Beispiel einer "einfachen" Frau aus dem Volk den Sühnegedanken für die von Deutschen ermordeten Juden konsequent zu Ende gedacht. Beide Novellen - später dann noch die Novelle "Das Löffelchen" (1963) - haben ihn weltweit bekannt gemacht. Goes hat dann ebensowenig, wie mancher Leser es wohl gern gesehen hätte, seine Kindheitserinnerungen an das wilhelminische Berlin ausgewetet noch das Gedenken an liberale Freunde im Südwesten wie etwa Theodor Heuss. Immer wieder kreisten seine Gedanken um Dichtung und Literartur, zumal um seine "Hausgötter" Mozart und Mörike. "Unsere Schuld ist, das wir leben", sagte er mit Blick auf die genannten Erzählungen, "nun müssen wir leben mit unserer Schuld." Am 23. Februar ist dieser "Zeuge des Jahrhunderts" - als solchen hatte ihn vor einiger Zeit das ZDF porträtiert - kurz vor Vollendung seines 92. Lebensjahres in Stuttgart gestorben. - ks

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