Wolfgang HuberGrußwort

Prof. Dr. Wolfgang Huber
Bischof von Berlin-Brandenburg

 

 

 

 

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Christentum und Judentum, zwischen Kirche und Israel hat spätestens seit den nationalsozialistischen Verbrechen am jüdischen Volk jede Beliebigkeit verloren. Sie wird uns am Ende dieses Jahrhunderts und an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend nicht als eine Frage neben anderen Fragen gestellt, sondern als eine zentrale ökumenische Frage.
Nach den Schrecken der Schoah kamen die Bemühungen um eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden verständlicherweise nur zögernd in Gang. Daß dies trotz der fürchterlichen Geschehnisse und Verbrechen am jüdischen Volk trotzdem geschah, ist auch ein Verdienst der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Schritt für Schritt wurde in dieser Gesellschaft der wechselseitige Dialog aufs Neue begonnen. Gemeinsame Quellen des Glaubens wurden freigelegt. Der im christlichen Glauben über Jahrhunderte gewachsenen und verbreiteten Negativstilisierung des Judentums begann man substantiell entgegenzuwirken. Wie wichtig das Gespräch zwischen Juden und Christen besonders für die Kirchen sein sollte, ließ sich daran ablesen, daß die Besonderheit des christlich-jüdischen Dialogs im Selbstverständnis des Ökumenischen Rates der Kirchen bis heute nicht in seinen ganzen Ausmaßen erkannt und anerkannt ist. Diese Besonderheit wird nach wie vor dann mißachtet, wenn man meint, das christlich-jüdische Gespräch lediglich als Teil eines allgemeinen interreligiösen Dialogs zu betrachten.
Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hat also auch im 50. Jahr ihres Bestehens eine hohe Verantwortung dafür, daß die Sonderstellung des Verhältnisses zwischen Kirche und Jüdischer Gemeinde in der Ökumene stärker ins Bewußtsein gerät. Das Gespräch zwischen Christen und Juden, zwischen Kirche und Israel ist eine entscheidende ökumenische Aufgabe. Ein christlich-jüdischer Dialog, der die Besonderheiten jüdischen Denkens ernstnehmen will, muß deshalb in seiner Gestalt ergebnisoffen geführt werden. Dabei kann es nicht darum gehen, die theologische Differenz zwischen Juden und Christen zu tabuisieren oder einzuebnen. Wechselseitiges Verständnis ist aber möglich; es wächst dort, wo auch die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens deutlicher hervorgehoben und kommuniziert werden.
Mit Freude und Dankbarkeit registrieren wir derzeit ein Wachsen der Jüdischen Gemeinden in Deutschland. Für eine substantielle christlich-jüdische Zusammenarbeit ergeben sich daraus neue Chancen für einen vertiefenden Dialog. So verbinde ich mit meinen Glückwünschen für das 50-jährige Bestehen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V. die Hoffnung, von ihr mögen auch in Zukunft wichtige und weiterführende Impulse ausgehen, die das wechselseitige Verständnis befördern helfen und damit auch einen wichtigen ökumenischen Beitrag leisten.