Buchtipps

"Der Kitharaspieler"
von Chaim Noll

Verbrecher Verlag, Berlin 2008

Von Bettina Klix

Einer der bekanntesten Christenfeinde ist Kaiser Nero - unvergesslich wahnsinnig verkörpert von Peter Ustinov im Film „Quo Vadis“ von  1951. Der große historische Roman  „Der Kitharaspieler“ von Chaim Noll erzählt von diesem Herrscher, der lieber nur Künstler wäre, von den revolutionären frühen Christen und den römischen Staatsbürgern jüdischer Herkunft.
Dass es sich bei den Frühchristen zunächst um eine jüdische Sekte handelte, spielt aus der rückblickenden Sicht von Mehrheitschristen (in Sicherheit) meist keine Rolle. Und dass die assimilierten Juden im römischen Staat durch die Anhänger des Jeshua (Jesus) in Gefahr gebracht wurden, ist wenig bekannt. Denn die „Christiani“ sind Aufrührer, wollen sich ein Leben im Glauben nicht innerhalb des Bestehenden aufbauen. Die römischen Juden werden aufgefordert, ihre Brüder zur Räson zu bringen -  was ihnen unmöglich ist. Wer kann einen Mann wie Paulus aufhalten!
Der Roman wagt auf 815 Seiten die Wahrheit jener Zeit zu erforschen, indem er sich auf das stützt, was man inzwischen wissen kann. Davon ausgehend bringt er Verborgenes, aber poetisch Wahrscheinliches zu Tage. Dabei schildert er das Leben am Kaiserhof, die vorherrschenden heidnischen Praktiken, aber auch jüdisches Leben im Reich, das Glaubensfreiheit einschließt. Es gilt allerdings, Rücksicht zu nehmen, wenn man als junger jüdischer Sekretär am Hof Kaiser Neros nicht Anstoß erregen will. Erscheint man wieder nach überstandener Krankheit, will die Antwort auf die harmlose Frage: „Wieder gesund?“ wohl überlegt sein: „Hier wäre die Antwort-Formel ‚Dank den Göttern’ angebracht gewesen, doch ich vermied den gegen unser Gebot verstoßenden Plural, sagte zwar nicht rundheraus ‚Dank dem alleinigen Gott’, was eine Provokation bedeutet hätte, sondern eine Kompromissformel, die wir uns für solche Fälle zurecht gelegt hatten: ‚mit göttlicher Hilfe’.“
Der Icherzähler ist der Sohn einer jüdischen Sklavin, die aber noch vor seiner Geburt freigelassen wurde, so dass ihr Kind ein römischer Bürger mit allen Rechten ist. Durch das Schicksal dieses Namenlosen, der seinen Vater nicht gekannt hat, erfahren wir viel Überraschendes über das Leben römischer Juden in jener Zeit. Der Icherzähler macht sogar Karriere am Hofe Neros. Er wird Ghostwriter für den Kaiser. Neros Selbstbild als  Künstler bringt ihn dazu, die Staatsgeschäfte zu vernachlässigen. Er begeistert sich für das Poem „Der Kitharaspieler“, das ihm der Icherzähler vorlegt, vertont es selbst und  identifiziert sich mit der Hauptfigur. Bei öffentlichen Auftritten feiert Nero damit große Triumphe. Der Icherzähler ist dadurch gefährdet, denn solange er lebt, gibt es das Wissen um seine Mit-Autorschaft, das Neros Künstlerillusion stört. Das Leitthema des Buches ist: „Stets ist mein Leben in Gefahr, aber dein Gesetz vergesse ich nicht…“, eines der vielen Zitate aus der hebräischen Bibel, die jedem neuen Absatz vorangestellt sind.
Die Gespräche unter den jüdischen Protagonisten der Geschichte bringen Erhellendes darüber zu Tage, warum sie gegenüber der aus ihren Reihen hervorgegangenen Sekte skeptisch sind. Man setzt sich mit der neuen Lehre auseinander und bezieht sie auf die eigenen Überlieferungen. Wie erklärt sich der Erfolg der „Christiani“ besonders bei den Heiden? Der gläubige Jude Matitjahu, einer der wichtigsten Gesprächspartner des Icherzählers meint: “Ihre Götter sind Abbilder ihrer selbst, menschenähnliche Wesen…Im Sinne solcher Bilder wurde, was der Galiläer verkündete, missverstanden und falsch ausgelegt.“ „Du meinst, sie hielten ihn für ein Mischwesen? Wie die Griechen den Epaphos und die Dioskuren?“… “Mir scheint, sie wissen es selbst nicht…“ Nachdem Matitjahu dem Icherzähler die offenen Fragen der Christiani dargelegt hat, die offenbar nur zu einer Vorstellung der göttlichen Dreiheit führen, um die ganzen Widersprüche zu lösen, kommt er zu dem Schluss: „Ich halte ihren Glauben für eine verstohlene Rückkehr zur Vielgötterei. Daher ihr Erfolg bei den Völkern. Jeshua kann alles Mögliche sein, ein neuer Prophet, der Erlöser-König, der Sohn Gottes, sogar Gott selbst.“
Chaim Noll erzählt in einer klaren Sprache, die alles andere als historisierend ist. Vielleicht gelingt ihm das besonders überzeugend, weil er seit einigen Jahren in Israel lebt und im Sprachexil ein Deutsch des Neubeginns schreibt.  Großes Wissen über die Epoche wird uns so als Geschenk übergeben, aber auch viele unbequeme Wahrheiten. Es gibt immer wieder auch Blitzlichter, die die Zukunft erhellen, oft bedrückend, Visionen von Verfolgung und Vernichtung, von Zerstörungskräften, die gerade durch die Herkunft des Christentums aus dem Judentum erwachsen könnten. Aber es gibt auch hoffnungsvolle Ahnungen von der Zukunft der Juden – nach der Zerstörung des Tempels:  „Ihr werdet alles wiederbekommen, ihr werdet zurückkehren, Wunder werden sich ereignen…“ 
Es erweist sich, dass ausgerechnet ein historischer Roman einen wichtigen Beitrag zur christlich-jüdischen Verständigung leisten kann, indem er – rückblickend – vor allem von den Schwierigkeiten erzählt, die ein echter Dialog erst einmal zu überwinden hat.
Chaim Noll, der Kitharaspieler, Verbrecher Verlag, Berlin, 2008, 815 S., 34 €
(Ungekürzte Fassung der in der evangelischen Wochenzeitung "Die Kirche" erschienenen Besprechung)

 

 


"Liverpool Street"
von Anne C. Voorhoeve
Ravensburger Buchverlag

Von Bettina Klix

Als die zehnjährige Franziska Mangold 1938 aus Berlin entkommen kann, muss sie ihre Familie und ihre beste Freundin schweren Herzens zurücklassen. Alle gemeinsamen Ausreisepläne sind bisher gescheitert. Liverpool Street, der Bahnhof in London, an dem Ziska mit einem der rettenden Transporte von jüdischen Kindern aus Nazideutschland ankommt, gibt diesem Jugendbuch den Titel. Als assimilierte Jüdin protestantisch aufgewachsen, wurde das Mädchen durch die rassische Verfolgung zu einer Identität gezwungen, die ihr bisher ganz fremd war.  In England wird dann ausgerechnet das orthodox gelebte Judentum ihrer Gastfamilie zur Zuflucht und bald auch ein wichtiger Teil des neuen Lebens als Frances. Gary, der Sohn ihrer Pflegeeltern nimmt sie als seine kleine Schwester an und weiht sie in die fremden Bräuche ein: „Pessach wird um dieselbe Zeit wie euer Ostern gefeiert, weil es das Fest ist, das Jesus in der Nacht vor seinem Tod noch begangen hat.“ Als Frances durch Nachfragen endlich begreift, dass Jesus Jude war, ist sie völlig geschockt. „Selbst mein Religionslehrer in Neukölln hatte das mit Sicherheit nicht gewusst…“ So erklärt sie sich, davon noch nie gehört zu haben. Anne C. Voorhoeve schildert die bewegende Geschichte einer Flucht und Identitätssuche eindringlich aus der Perspektive des Mädchens. Zusammen mit ihrer neuen Familie überlebt Ziska-Frances den „Blitzkrieg“, doch ihr neuer Bruder fällt als Soldat. Das Buch endet nach dem Krieg mit der Selbstverpflichtung der jungen Frau: „Wir gehören zu denen, die mit den Toten leben. Sie verlassen sich auf uns. Solange ich eine Stimme habe und solange es jemanden gibt, der mir zuhört, werde ich ihre Namen nennen, unsere Geschichte erzählen…“

 


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