25. November 1999

50 Jahre Dialog von Christen und Juden

Von Jola Merten

«Die Begegnung mit Martin Buber 1956 in Berlin bleibt mir unvergesslich. Der große jüdische Gelehrte verglich damals die Religionen mit Häusern. Er werde das seine nicht verlassen, aber vor der Tür stehen und mit denen sprechen, die vorbeiwandern», erinnert sich Ilse Ennig. Dieses Bild symbolisiert für die Vize-Vorsitzende der «Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit» auch die eigene Arbeit. Am 24. November 1949 begann dieser Dialog zwischen katholischen und evangelischen Christen und Juden. Mit einem Festakt im Berliner Abgeordnetenhaus feierte die Gesellschaft gestern ihr 50-jähriges Jubiläum.

Doch es war nicht etwa die Idee von Deutschen, vier Jahre nach dem Krieg mit den Opfern des Holocaust in Kontakt zu treten, nach den religiösen und gesellschaftlichen Ursachen jener Barbarei zu fragen, gar eine Annäherung zwischen den Religionen und Kulturen anzustreben. Die Amerikaner initiierten die ersten Gesellschaften im Rahmen ihres Umerziehungsprogramms der Deutschen. Bekannte Nazi-Gegner, wie Pastor Eberhard Bethge und die Frau des ermordeten Julius Leber, Annedore Leber, gehörten zu den Berliner Gründungsmitgliedern. «Die ehemals verfolgten Juden, wie Siegmund Weitlinger, bis 1970 einer der drei Vorsitzenden, oder die Bundestagsabgeordnete Jeanette Wolff, reichten uns versöhnlich die Hand. Das war und ist für mich das große Wunder», sagt Ilse Ennig, die seit 1958 der Gesellschaft angehört. Doch letztendlich waren es immer nur wenige Juden, die hier mitarbeiteten, bedauert die 74-Jährige. Derzeit sind es 29 von insgesamt 275 Mitgliedern. So dienen denn auch die facettenreichen Veranstaltungen der jährlichen «Woche der Brüderlichkeit» eher der Information der Nichtjuden über die Kultur und Religion der Juden. Doch in Sachen Toleranz und Aufklärung hat diese kleine Gesellschaft Großes in den letzten 50 Jahren geleistet. Dies bescheinigte ihr auch in seinem Grußwort der neue Präsident des Abgeordnetenhauses, Reinhard Führer.

© Berliner Morgenpost 1999