Andreas NachamaGrußwort

Dr. Andreas Nachama
Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

 

 

 

 

Als sich in der ersten Hälfte des Jahres 1945 mit dem Vorrücken der alliierten Befreier Europas die Tore der Konzentrationslager für die wenigen Überlebenden öffneten, meinten viele ebenso wie Heinz Galinski: „Wenn man in einer solchen Situation lebt und doch die vage Hoffnung hat, eines Tages da rauszukommen, dann glaubt man, es wird sich eine Welt auftun, in der Menschenliebe und Verständnis unter den Völkern herrschen werde", in der so etwas wie ein fabrikmäßiger Völkermord sich nie mehr wiederholen würde. In der Stadt Berlin, von der aus das Böse und das Verderben koordiniert und befohlen wurden und die 1945 einem Schutthaufen glich, schlossen sich Christen und Juden in einer Arbeitsgemeinschaft der Kirchen zusammen, um gemeinsam so profane Dinge wie Kerzen für Gottesdienste oder Kohlen zum Heizen der Synagogen und Kirchen zu organisieren.
Wer hätte 1945 vermuten können, daß sich einmal zur Eröffnung einer „Woche der Brüderlichkeit" die Deutsche Oper bis auf den letzten der über 1.800 Plätze füllen würde und die Anwesenden dem Eröffnungsvortrag eines Rabbiners gebannt zuhören? Oder daß im intellektuellen Austausch zwischen dem Judaistik-Professor Jacob Taubes, dem Professor für evangelische Theologie Helmut Gollwitzer, dem Religionswissenschaftler Klaus Heinrich und dem Islamwissenschaftler Fritz Steppard an der Freien Universität Berlin ein interreligiöses Studienprogramm entwickelt werden würde, das Pastoren, Rabbiner und Lehrer der abrahamitischen Religionen zum gemeinsamen Unterricht, aber auch zu gemeinsamen Gottesdiensten zusammenbringt? - Dies und ähnliches mehr wäre ohne die im November 1949 gegründete Berliner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit kaum denkbar.
Christlich-jüdische Aktivitäten gehören zum ständigen Programm der christlichen Kirchen wie der jüdischen Gemeinden. Der Dialog findet auf unterschiedlichen Ebenen statt, von den Hochschulen bis hin zu Einzelkontakten von Kirchengemeinden - vieles ist der Koordination durch die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit entwachsen. Gleichwohl bilden sie zusammengefaßt im Deutschen KoordinierungsRat die Säule, um die herum mannigfache Anstöße, Denkimpulse und gemeinsame Aktivitäten immer wieder neu entstehen. Man könnte meinen, die vor dem Hintergrund der Shoa entstandene Gemeinsamkeit von Christen und Juden könnte heute aus sich heraus bestehen. Wären da nicht die Ewiggestrigen, die immer einmal wieder deutlich machen, wie notwendig auch die verfaßte Form einer „Woche der Brüderlichkeit" und von christlich-jüdischen Gesellschaften ist.
Wir wünschen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin, daß sie eine starke Säule des interreligiösen Dialogs bleibt und auch weiterhin dazu beiträgt, daß Toleranz zu einer Selbstverständlichkeit des gesellschaftlichen Lebens in Berlin, in Deutschland und in ganz Europa wird.