Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin
Nr. 20 (3. Jahrgang) - Januar 2000
 

Brauchen Juden die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit?
 
Von Maya Zehden
 

Landesrabbiner Joel Berger sagte unlängst in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung: „Wir sollten uns weniger mit dem christlich-jüdischen Dialog befassen und uns endlich mit uns selbst beschäftigen." Was bedeutet eine solche Aussage vor dem Hintergrund des 50jährigen Jubiläums der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) in Berlin?
Zur Geschichte: Unter amerikanischer Ägide 1948/1949 gegründet, sollte sie parallel zur Entnazifizierung zur Umerziehung der Deutschen beitragen. Die US - Regierung beauftragte den methodistischen Pfarrer Carl F. Zietlow aus Minneapolis nach dem amerikanischen Vorbild der „World Brotherhood" auf religiöser Basis eine neue Form des Zusammenlebens zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen zu finden.
In verschiedenen deutschen Städten wurde aus den örtlichen Honoratioren, Wissenschaftlern und Künstlern ein Vorstand zusammengestellt, dem jeweils ein Protestant, ein Katholik und ein Jude, die entsprechenden Stellvertreter und ein Schatzmeister angehörten. An dieser Organisationform hat sich bis heute nicht geändert. Die Juden im Berliner Vorstand waren Siegmund Weltlinger (1949-1970), Jeanette Wolff (1970-1976), Herbert A. Tworoger (1976-1981), Klaus Scheurenberg (1981-1990) und seit 1990 Jael Botsch-Fitterling. Ihr Stellvertreter ist seit 1992 Herrmann Simon.
In ihrem Artikel in der Festschrift „Im Gespräch - 50 Jahre Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin e. V." erklärt Jael Botsch-Fitterling, daß in der Berliner Gesellschaft das Bewußtsein für die Spannungen zwischen Juden und Christen immer wach gewesen sei. Sie würde sich in diesem Kreis deshalb seit siebzehn Jahren (ab 1982 erst als stellvertretende jüdische Vorsitzende) engagieren, weil er keine Vermischung, sondern das verständnisvolle Nebeneinander der Religionen anstrebe und gegen Diskriminierung - für Solidarität mit Minderheiten eintrete. Sie wolle helfen, „solidarisches Zusammenleben der Menschen einer Verwirklichung näher zu bringen".
Bis in die 70er Jahre hatte die Gesellschaft starkes politisches Gewicht, zumal hochstehende Persönlichkeiten, nicht nur im Vorstand, sondern auch im Kuratorium vertreten waren. Bekannt geworden ist sie vor allem durch die von ihr in Berlin seit 1952 alljährlich durchgeführte „Woche der Brüderlichkeit". Unter anderen traten hier Regierende Bürgermeister wie Ernst Reuter und Klaus Schütz, aber auch Rabbiner wie Nathan Peter Levinson auf, der von 1965-1985 jüdischer Vorsitzender des Deutschen KoordinierungsRates (DKR), des Dachverbandes der GCJZ Deutschland, war. Einen guten Überblick über die immer wieder wechselnden Auffassungen der verschiedenen Vorstände von den Aufgaben der GCJZ Berlin gibt der Artikel in der bereits erwähnten Festschrift von Herausgeber Ulrich Werner Grimm.
Ihr erklärtes Hauptziel war aber immer die Aussöhnung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen. Politische Anerkennung dafür erfuhr sie 1952, als Bundeskanzler Konrad Adenauer einen Wiedergutmachungsvertrag durchsetzte, um durch diesen Ausdruck politisch-moralischer Verpflichtung Westdeutschlands die Wiedererlangung staatlicher Souveränitat vorzubereiten. Als die amerikanischen Gründerväter ihre finanzielle Unterstützung einstellten, entschied Adenauer, daß die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit und ihren Dachverband vom Bund und von den Ländern finanziert werden sollen.
Seit ihrem Höhepunkt 1963, als ihr in Berlin 1146 Mitglieder angehörten, ist ihr Einfluß jedoch beständig gesunken. Heute hat sie in Berlin nur noch 275 zahlende Mitglieder und rund 350 Interessenten. Dennoch sind die Ziele der Gesellschaft unbestreitbar nach wie vor aktuell, gerade durch die seit der Wiedervereinigung spürbare Zunahme von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus.
Um diese Ziele zu erreichen, veranstaltet sie Vorträge, Exkursionen, Besuche von Theaterstücken und Ausstellungen. Den religiösen Dialog fördert sie als Mitveranstalter des Ständigen Arbeitskreises für Juden und Christen. Erst kürzlich wurde ein Jour fixe eingeführt. Alle zwei Monate treffen sich hier Mitglieder und Interessenten zum Meinungsaustausch.
Wo könnten sich nun jüdische Interessenten wiederfinden? Ein wichtiges Thema wäre zum Beispiel eine jüdische Auseinandersetzung mit den christlichen Feiertagen. In der Jüdischen Grundschule oder Oberschule findet sie jedenfalls nicht statt.
Ein anderes Thema wäre das Leben in einer christlich-jüdischen Lebensgemeinschaft. Der frühere Vorsitzende der Repräsentantenversammlung Michael Bob und seine Frau Annett haben in der BZ ihren privaten Weg der Koexistenz von Judentum und Christentum demonstriert und damit einer weit verbreiteten Realität Ausdruck gegeben. Unter Juden ist dieses Thema, siehe Rabbiner Berger, aus vielerlei Gründen tabuisiert. Sie könnten für solche die jüdische Gegenwart bestimmenden Themen und Diskussionen in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit genau das richtige Forum finden.

Maya Zehden ist seit Januar 1999 Geschäftsführerin der GCJZ Berlin

Festschrift (Schutzgebühr 2.50 DM) und weitere Informationen bei Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Laubenheimer Str. 19, 14197 Berlin, Tel: 821 66 83 / Fax: 82 70 1961